Serie Dr. med Natur: Weidenrinde
Schon unsere Vorfahren setzten mit ihrem Erfahrungswissen auf die heilenden Kräfte von Arzneipflanzen. Längst sind viele davon mit modernen wissenschaftlichen Methoden gut untersucht. Ob als Tee, Kapseln oder Extrakt: Die bewährten Wirkstoffe erhalten Sie in geprüfter Qualität in der Apotheke. In dieser Ausgabe erfahren Sie mehr über die Weidenrinde.
Herkunft
Weiden (Salix) sind über weite Teile der Welt verbreitet, von Tropenregionen bis in arktische Gefilde. Vorwiegend wachsen sie allerdings in der gemäßigten Zone der Nordhalbkugel, wo die schnellwüchsigen Bäume und Sträucher bevorzugt in feuchten Niederungen, Auwäldern und am Ufer von Bächen und Flüssen zu finden sind.
Botanik
Es gibt weltweit zwischen 450 und 500 verschiedene Weidenarten. Die Laubgehölze wachsen als Bäume, Sträucher und Zwergsträucher. Zu den bekanntesten Arten gehört ohne Frage die bis zu 20 Meter hohe Trauerweide (Salix babylonica) mit ihren schleppenartig herabhängenden Zweigen.
Ein weiteres charakteristisches Merkmal sind die flaumigen Weidenkätzchen. Die männlichen und weiblichen Blütenstände werden im Frühjahr gebildet und dienen zahlreichen Insekten – darunter auch Hummeln, Honig- und Wildbienen – als wichtige Energiequelle nach der langen Winterpause (weshalb man sie zu Ostern lieber nicht abschneiden sollte!).
Weiden sind klassische Pionierpflanzen, die vegetationsarme Standorte wie Schwemmland oder Waldbrandflächen schnell besiedeln.
Geschichte
Die Weide hat eine jahrtausendealte Tradition in der Pflanzenheilkunde. Schon in den alten Hochkulturen Indiens, Vorderasiens und Ägyptens wurde die Pflanze als Arzneimittel gegen Schmerzen und Fieber verwendet. Als einer der ältesten Belege gilt eine Tontafel aus der Zeit um 700 v. Chr., auf der neben assyrisch-babylonischen Rezepturen auch Weidenblätter abgebildet sind.
Der berühmte griechische Arzt Hippokrates von Kos (um 460–370 v. Chr.) verordnete Weidenrinden-Aufgüsse gegen Gelenkentzündungen und Fieber, und die heilkundige Universalgelehrte Hildegard von Bingen setzte Weidenrinde im Mittelalter bei Blutungen, Fieber, Gicht, Rheuma und Harnleiden ein.
Doch erst im Jahr 1828 entdeckte der Münchner Pharmazeut Johann Andreas Buchner in der Rinde des Weidenbaums den Wirkstoff Salicin – die natürliche Vorstufe des Arzneistoffs Acetylsalicylsäure. Wenig später gelang es dem Italiener Raffaele Piria, die Substanz Salicylsäure herzustellen und als Medikament auf den Markt zu bringen.
Aufgrund starker Nebenwirkungen (Blutungen, Magenschädigung) blieb sein Präparat jedoch erfolglos. Erst der Chemiker Felix Hoffmann synthetisierte 1897 aus der Substanz die deutlich nebenwirkungsärmere Acetylsalicylsäure (ASS) – einen der erfolgreichsten Arzneistoffe der Medizingeschichte.
Verwendete Pflanzenteile
Für heilkundliche Anwendungen wird die Rinde junger Zweige und Äste verwendet. Sie wird im Frühjahr geschält und schonend getrocknet. Im Europäischen Arzneibuch sind als „Weidenrinde“ (Salicis cortex) die ganze oder zerkleinerte Rinde junger Zweige im zweiten oder dritten Jahr sowie junge Zweige im ersten Jahr zugelassen. Verwendet werden vorwiegend salicinreiche Weidenarten wie die Purpur-Weide, die Reif-Weide oder die Bruch-Weide.
Wirkung
Weidenrinde besitzt durch den Wirkstoff Salicin schmerzlindernde, entzündungshemmende und fiebersenkende Eigenschaften, die in zahlreichen Studien belegt sind. Die in Weidenrinde enthaltenen sekundären Pflanzenstoffe haben außerdem antioxidative Eigenschaften und können zellschädigende freie Radikale neutralisieren.
Als traditionelles pflanzliches Arzneimittel kommt Weidenrinde besonders bei rheumatischen Beschwerden, leichten Rückenschmerzen, Kopfschmerzen sowie bei Gelenkschmerzen aufgrund von Arthrose zur Anwendung. Durch seine fiebersenkenden Eigenschaften ist die Pflanze traditionell auch bei fieberhaften Erkältungen ein bewährtes Hausmittel.
Da der Wirkstoff Salicin erst im Darm und in der Leber zu Acetylsalicylsäure umgewandelt wird, gilt Weidenrinde zudem als magenverträglicher als ASS. Eine dauerhafte Anwendung sollte wegen möglicher Nebenwirkungen dennoch mit dem Hausarzt besprochen werden.
Darreichungsformen
In der traditionellen Heilkunde werden Weidenrindenextrakte als Tee, Tinktur, Trockenextrakt oder Aufguss eingesetzt. Erhältlich sind auch Kapseln und Kombinationspräparate mit Teufelskralle und/oder Brennnessel.
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