Neue Mittel gegen Alzheimer
Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Demenz. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Krankheit. Sie ist bis heute nicht heilbar. Doch neue Medikamente und schnellere Diagnosen geben Hoffnung.
Die Diagnose Alzheimer ist ein großer Schock für Betroffene wie auch für Angehörige. Die neurodegenerative Erkrankung ist die häufigste Form der Demenz und geht mit einem langsam fortschreitenden Absterben von Nervenzellen im Gehirn einher. Selbstständigkeit, soziale Teilhabe und das Gefühl von Vertrautheit im Alltag gehen mit dem zunehmenden Verlust der geistigen Fähigkeiten Schritt für Schritt verloren. Am Ende steht für Betroffene fast immer die Pflegebedürftigkeit. Bis heute ist Alzheimer nicht heilbar. Doch Forscher arbeiten weltweit mit Hochdruck an der Entwicklung von Medikamenten gegen dieses gefürchtete Leiden. Im vergangenen Jahr wurden in der EU nun erstmals zwei Wirkstoffe gegen Alzheimer zugelassen, die wesentliche Mechanismen der Erkrankung ausbremsen. Und auch in der Diagnostik hat sich einiges getan. Wir geben einen Überblick über den aktuellen Stand und beantworten die wichtigsten Fragen.
Welche neuen Medikamente gegen Alzheimer gibt es?
Bei den Wirkstoffen Lecanemab (Medikament Leqembi) und Donanemab (Medikament Kisunla) handelt es sich um sogenannte Antikörper. Diese setzen erstmals gezielt an einer der Hauptursachen von Alzheimer an, indem sie die krankhaften Eiweißablagerungen im Gehirn entfernen. Konkret binden sich die Antikörper an die für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques und markieren sie als körperfremd. Dadurch werden die Mikrogliazellen, die Immunzellen des Gehirns, aktiviert. Diese übernehmen dann sozusagen als körpereigene Müllabfuhr den Abbau der Ablagerungen oder hemmen deren Neubildung.
Laut der Zulassungsstudie verlangsamte der Wirkstoff Lecanemab den geistigen Abbau binnen 18 Monaten um fast 30 Prozent. Das bedeutet: Das Ausmaß der kognitiven Einschränkungen ist mit Lecanemab erst nach 18 Monaten so groß wie ohne Medikament sonst schon nach 12 Monaten. Mit Donanemab kam es zu rund 35 Prozent weniger geistigen Einbußen. Im Mittel verzögerte sich der Krankheitsverlauf um etwa vier Monate. Fazit: Die neuen Medikamente sind keine Wundermittel und können die Erkrankung weder stoppen noch heilen. Bislang standen zur medikamentösen Alzheimer-Therapie allerdings lediglich Medikamente gegen die Symptome der Erkrankung zur Verfügung.
Für wen kommen die neuen Medikamente infrage?
Dafür gibt es seitens der Europäischen Arzneimittel-Agentur EMA strenge Auflagen. So kommen die neuen Medikamente ausschließlich für Menschen in Betracht, die sich in einem frühen Stadium der Alzheimer-Erkrankung befinden und nur geringe Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit haben. Die Amyloid-Ablagerungen im Gehirn müssen zudem nachgewiesen sein. Außerdem ist ein spezifischer Gentest erforderlich, denn bei bestimmten Patienten kann das Risiko für schwere Nebenwirkungen wie Hirnblutungen und Hirnschwellungen während der Therapie deutlich erhöht sein.
Schließlich gibt es die Kostenfrage: Die Behandlung erfolgt bei beiden Medikamenten per regelmäßiger Infusion in spezialisierten Zentren. Inklusive aufwendiger Voruntersuchungen fallen hierfür zwischen 34.000 bis 38.000 Euro pro Patient:in im Jahr an. Die Behandlung wird zunächst von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Ob und wie viel die Kassen letztlich für die Medikamente zahlen, ist derzeit allerdings noch offen und hängt von Verhandlungen und Bewertungen ab.
Welche Fortschritte gibt es bei der Diagnose?
Je früher Alzheimer erkannt wird, desto besser und gezielter kann die Behandlung erfolgen. Auch hier hat es in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gegeben. Große Hoffnungen richten sich derzeit auf die Entwicklung von Bluttests, die zuverlässig Auskunft über Amyloid- und Tau-Ablagerungen im Gehirn geben sollen und künftig die aufwendige Liquoruntersuchung, bei der Nervenwasser aus dem Rückenmark entnommen wird, sowie die teure PET-Bildgebung (Positronen-Emissions-Tomographie) ersetzen könnten.
In den USA sind entsprechende Tests seit rund zwei Jahren verfügbar, in Deutschland wird ihre Einführung laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft frühestens im vierten Quartal 2026 erwartet.
Gut zu wissen
Was bei Alzheimer im Gehirn passiert
Bei Alzheimer sammeln sich unlösliche Eiweißbruchstücke zwischen den Nervenzellen im Gehirn an, die sich zu sogenannten Beta-Amyloid-Plaques zusammenlagern. Darüber hinaus kommt es innerhalb der Nervenzellen zu Verklumpungen von sogenannten Tau-Proteinen. Die Erkrankung führt zu einer zunehmend gestörten Kommunikation zwischen den Nervenzellen und letztlich dazu, dass immer mehr Nervenzellen geschädigt werden und absterben.
Erste Anzeichen für die giftigen Eiweiß-Ablagerungen sind oft schon 20 Jahre vor Beginn der Demenz sichtbar.
Wie können Impfungen Alzheimer verhindern?
Seit einigen Jahren erhärten sich die Hinweise darauf, dass vor allem eine Impfung gegen Gürtelrose eine Demenz – und somit auch Alzheimer – nicht nur verhindern oder verzögern kann; auch der Krankheitsverlauf bei bereits Betroffenen kann sich mitunter verlangsamen. Das hätten laut dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) mittlerweile zahlreiche Studien gezeigt.
Welche Wirkmechanismen genau dahinterstecken, ist noch nicht geklärt. Eine Theorie ist, dass sich Herpes-Viren im Gehirn einnisten und dort über viele Jahre unbemerkt Schäden an den Nervenzellen anrichten. Erst wenn im höheren Alter die Gedächtnisleistung ohnehin abnimmt, machten sich diese Vorschädigungen auf einmal bemerkbar. Auch könnten Herpes-Zoster-Viren die Bildung von Amyloid-Ablagerungen begünstigen. Der Demenz-Schutz wurde auch bei anderen Impfungen, etwa gegen Influenza, beobachtet.
14 Risikofaktoren für Demenz
Das Altern und unsere Gene können wir nicht beeinflussen. Doch fast die Hälfte aller Demenzerkrankungen (45 %) wären laut der Lancet Commission der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ vermeidbar, wenn sich folgende 14 Risikofaktoren ausschalten ließen.
Viele haben wir selbst in der Hand und können mit einem gesunden Lebensstil und medizinischer Vorsorge gegensteuern:
Kindheit & Jugend
1. Geringe Bildung: 5 %
Erwachsenenalter / mittleres Lebensalter
2. Eingeschränkte Hörfähigkeit: 7 %
3. Hohes LDL-Cholesterin: 7 %
4. Depression: 3 %
5. Schädel-Hirn-Trauma: 3 %
6. Bewegungsmangel: 2 %
7. Diabetes (Typ 2): 2 %
8. Rauchen: 2 %
9. Bluthochdruck: 2 %
10. Adipositas (Fettleibigkeit): 1 %
11. Übermäßiger Alkoholkonsum: 1 %
Höheres Lebensalter
12. Soziale Isolation: 5 %
13. Luftverschmutzung (Autoabgase, Kaminnutzung): 3 %
14. Einschränkung der Sehkraft: 2 %
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